Die Neue Sachlichkeit des Bürgerschrecks

Als Paul Hindemith durch die Uraufführung von Das Marienleben die Erkenntnis „ethischer Notwendigkeiten der Musik“ und „moralischer Verpflichtungen des Musikers“ gewann, begann sich das Wesen seiner Musik grundlegend zu ändern und einen neuen Stil zu entwickeln, der der Musik der „Neuen Sachlichkeit“ zuzurechnen ist und als einer deren Hauptvertreter auch schließlich Hindemith selbst gilt.

«Es gibt heute in der Musik kaum technische Aufgaben, die wir nicht bewältigen könnten. Die technischen und rein künstlerischen Fragen rücken ein wenig in den Hintergrund. Was uns Alle angeht, ist dies: das alte Publikum stirbt ab; wie und was müssen wir schreiben, um ein größeres, anderes Publikum zu bekommen; wo ist dieses Publikum?»
– Paul Hindemith, „Über Musikkritik“ (1929)

„Neue Sachlichkeit“ als Begriff wird seit den 1920er Jahren bis heute als Stil- und Epochenbezeichnung diverser kultureller Modernisierungstendenzen der Weimarer Republik, sowie als Schlagwort für den damaligen Zeitgeist verwendet. Der Ausdruck, der 1923 von Gustav Friedrich Hartlaub für Tendenzen in der Bildenden Kunst geprägt und bald von Zeitgenossen auch auf Musik angewandt wurde, umschreibt eine gelungene Demokratisierung von Musik, die gegen den Selbstausdruck der Expressionisten ausgespielt wird. Musik der „Neuen Sachlichkeit“ ist unsentimental, nüchtern, formal fest gefügt, überschaubar und prägnant. Sie verschmäht das „Ausdrucksvolle“ ohne deshalb ausdruckslos zu sein. Diese Ästhetik führte in der Kunstmusik zur bewussten Verwendung bisher unbeachteter Genres und Stilelemente, darunter vor allem aus der zeitgenössischen populären Tanz- und Unterhaltungsmusik, und konnte sich an vergangenen Epochen stilistisch orientieren. Neusachliche Musik zielt auf Aktualität und Realität ab und reagiert auf die Welt der Moderne, deren massenkulturelle Phänomene sowie den technischen Fortschritt. Sie sucht Halt in der Gesellschaft und in den Institutionen, die ein Kulturleben tragen, und möchte sich als nützlich erweisen.

«Die Zeiten des steten Für-sich-Komponierens sind vielleicht für immer vorbei. Auf der anderen Seite ist dagegen der Musikbedarf so groß, dass es dringend nötig ist, dass sich Komponist und Verbraucher endlich verständigen.»
Paul Hindemith, »Wie soll der ideale Chorsatz der Gegenwart oder besser der nächstren Zukunft beschaffen sein?« (1927)

Ende der 1920er Jahre entwickelte Paul Hindemith lebhaftes Interesse für noch neue Formen des Musizierens, für neue Musikinstrumente und erprobte sich im Komponieren für neuen Medien. Er schrieb für die klassischen Institutionen des Musiklebens, komponierte Musik für hochvirtuose Berufsmusiker wie auch solche für Laien und Kinder (z.B. mit Bertold Brecht ein „Lehrstück“) und er richtete unbekannte alte Musik aufführungspraktisch ein. Daneben griff er neue Medien auf, komponierte für Grammophonschallplatten, neue mechanische und elektrische Instrument, wie etwa das von Friedrich Trautwein konstruierte und nach ihm benannte Trautonium, und konzipierte seine Musik in Hinblick spezifischer Anforderungen, etwa für die Radioübertragung des musikalischen Hörspiels Sabinchen (1930) und die Drei Anekdoten für Radio auch Drei Stücke für fünf Instrumente (1925), die genau die damaligen Sendemöglichkeiten von Musik im Rundfunk berücksichtigen.

Titelblatt Wir bauen eine Stadt, 1930 (http://www.hindemith.info/)

Drei Anekdoten für Radio auch Drei Stücke für Fünf Instrumente (1925)

Im Kampf mit dem Berg (1921) – Musik zu Arnold Francks Stummfilm

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Reklame für einen Trautonium-Bauplan
aus dem Jahr 1931
(www.bonedo.de/artikel/einzelansicht/die-geschichte-der-elektronischen-musik-3.html)

2 . und 4. Satz aus Des kleinen Elektromusikers Lieblinge (1930) – Musik für 3 Trautonien, ngespielt von Paul Hindemith, Oskar Sala und Rudolf SchmidtFünf Instrumente

Konzert für Trautonium mit Begleitung des Streich-orchesters (1931) – Peter Pichler am Mixturtrautonium und Musiker des Orchesters des Bayerischen Rundfunks

Das Triadische Ballett von Otto Schlemmer wurde zu Lebzeiten seines Schöpfers in gleich 5 unterschiedlichen Choreographien mit jeweils unterschiedlichen Musikfolgen realisiert. Für die Aufführung des experimentellen Balletts in Donaueschingen schrieb Hindemith eine Tanz-Suite für Mechanische Orgel . Von dieser Komposition existiert zwar kein Notenmaterial, jedoch Schallplatten-Aufnahmen.
Gemeinsam mit der Toccata für das mechanische Klavier (1926) wurden die zwei Stücke als Musik für mechanische Instrumente op. 40 im Juli 1926 in Donaueschingen erstaufgeführt.
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Triadisches Ballett für mechanische Orgel (1926)

Toccata Für Das mechanische Klavier (1926)

1921 aus der Kammermusik Nr. 1, op. 24 Nr. 1 gespielt vom Ensemble Kronberg Academy Soloists

1922 Suite, Op.26 5. Ragtime gespielt Sviatoslav Richter

Mit der Uraufführung seiner Kammermusik op. 24 Nr. 1. bei den 2. Donaueschinger Kammermusiktagen am 31. Juli 1922 wurde Hindemith zum “Bürgerschreck” der 1920er Jahre abgestempelt. Die Komposition “parodiert einen kammermusikalischen Anspruch: sie präsentiert sich als Kammermusik, aber in rohem, undifferenziertem, dennoch außerordentlich charakteristischem Kolorit […] in einem etüdenhaften, undurchhörbaren und oft geräuschhaften Begleitsystem, das eben nicht motivisch ausgearbeitet und transparent ist”. (Schubert, Giselher) Das berüchtigte Finale 1921 greift auf den damals populären Foxtrott Fuchstanz von Wilm-Wilm zurück und damit auf jenen “Kitsch” der 20er Jahre, wie Kritiker meinten, den Hindemith selbst schrieb, wenn ihm “keine anständige Musik” mehr einfiel:

Es ist erreicht! Der modernen deutschen Musik ist es endlich gelungen, das heutige Leben dort zu fassen, wo es sich am frivolsten und gemeinsten austobt. Der dieses ‘Wunder’ zustande brachte, ist der Komponist Paul Hindemith in seiner Kammermusik op. 24 Nr. 1. Man steht einer Musik gegenüber, wie sie zu denken, geschweige zu schreiben, noch nie ein deutscher Komponist von künstlerischer Haltung gewagt hat, einer Musik von einer Laszivität und Frivolität, die nur einem ganz besonders gearteten Komponisten möglich sein kann.
– Alfredf Heuss: „Der Foxtrott im Konzertsaal“, Zeitschrift für Musik 90, 1923.

Ouvertüre zum „Fliegenden Holländer“ wie sie eine schlechte Kurkapelle morgens um 7 am Brunnen vom Blatt spielt (1925) gespielt vom Buchberger Quartett

Hin und Zurück – Sketch mit Musik, op. 45a (1927)

_ von F. W., am 5. November 2020


.Quellen

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http://www.hindemith.info/de/leben-werk/biographie/1918-1927/werk/sachlichkeit-als-stil/

http://www.hindemith.info/de/leben-werk/biographie/1918-1927/werk/gebrauchsmusik/

https://www.bonedo.de/artikel/einzelansicht/die-geschichte-der-elektronischen-musik-3.html

Grosch, Nils: „Neue Sachlichkeit“, in: MGG online, online veröffentlicht 2016.

Heuss, Alfred: „Der Foxtrott im Konzertsaal“, Zeitschrift für Musik 90, 1923.

Hindemith, Paul: „Über Musikkritik“, in: Melos 8 (1929), S. 106–108.

Hindemith, Paul: „Wie soll der ideale Chorsatz der Gegenwart oder besser der nächstren Zukunft beschaffen sein?“ (1927), in: Aufsätze, Vorträge, Reden, hrsg. von Giselher Schubert, Zürich 1994, S. 27.

Schubert, Giselher: Paul Hindemith: konzis, Mainz: Schott 2016.

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