aus Ich will dir singen ein Hohelied Sechs Lieder auf Gedichte von Gerda von Robertus (Gertrud von Schlieben)
.
. .
Geschmeidig und wild wie ein junger Panther So hast du von mir Besitz ergriffen. Ach, wie weich ist dein Sammetfell, du schöner Panther. Ach, und die Sammettatzen, wie lieb sie streicheln! Lass mich nie, nie deine Krallen spüren; Neulich im Traum grubst du sie mir in's Herz!
Hallo, jetzt fahren wir nach Birma hinüber. Whisky haben wir ja noch genügend dabei und Zigarren rauchen wir, „Henry Clay“, und die Mädels sind mir ja auch schon über na, da sind wir eben jetzt so frei – ja, da sind wir eben jetzt so frei! Denn andere Zigarren, die rauchen wir nicht und weiter wie Birma, reicht dem Kasten der Rauch nicht und einen lieben Gott, den brauchen wir nicht und einen Anstand, den brauchen wir auch nicht – Na also, good-bye! x Und das segelt so hin – und das kommt auch mal an und ein lieber Gott lässt sich nicht blicken und dem lieben Gott, dem liegt vielleicht auch gar nichts daran na und wenn, dann muss er sich drein schicken – Na also, good-bye! x Mit „Mensch bei mir nicht!“ und „Na wat denn, mein Sohn!“ und „Fehlt’s wo, dann lass mich’s mal wissen!“ Und ’ne feinere Regung nicht um ’ne Million – Da wird eben auf alles gepfiffen x Ja das Meer ist blau, so blau und das geht alles seinen Gang und wenn die Chose aus ist dann fängt’s von vorne an – Ja das Meer ist blau, so blau und das geht ja auch noch lang! Ja das Meer ist blau, so blau das Meer ist blau. x Hallo, da könnten wir zum Beispiel mal ins Kino gehn, das kostet Geld das hat doch kein Gewicht. Ja graue Harre wachsen lassen wir uns nicht. Leute wie wir, die müssen sich auch mal amüsieren. Denn für sie, da gibt es keine Pflicht. Zigarren unter fünf Cents, die rauchen wir nicht und Schwarzbrot verträgt doch ihr Bauch nicht, und für’s andere sorgen, das brauchen sie nicht und mal in sich gehen, brauchen die auch nicht, das hat sein Gewicht. x Und das lebt so dahin – und das stellt sowas an und ein lieber Gott lässt sich nicht blicken, und dem lieben Gott, dem liegt vielleicht auch gar nichts daran und wenn, dann muss er sich drein schicken – Na also, good-bye! x Mit „Mensch bei mir nicht!“ und „Na wat denn, mein Sohn!“ und „Fehlt’s wo, dann lass mich’s mal wissen!“ Und ’ne feinere Regung nicht um ’ne Million – Da wird eben auf alles gepfiffen x Ja das Meer ist blau, so blau und das geht alles seinen Gang und wenn die Chose aus ist dann fängt’s von vorne an – Ja das Meer ist blau, so blau und das geht ja auch noch lang! Ja das Meer ist blau, so blau das Meer ist blau. x Jetzt braucht da nur einmal ein Sturm zu kommen na ja, da ist’s ja schon das Dock von Birma – Halt du, das ist doch nur ’ne schwarze Wolkenwand Mensch und die Wellen, ’s ist ja allerhand! Mensch, das verschlingt uns ja die ganze Firma – Ja, da sind wir jetzt glatt am Rand ja, da sind wir eben jetzt am Rand! Bald sinkt das Schiff zu Grund, das Meer geht drüber Und die versunken sind, sieht nur der Hai im See – Da hilft kein Whisky mehr und keine „Henry Clay“! Wo’s jetzt hingeht, da geht kein Mädchen mehr mit rüber – Ja, da heißt’s auf einmal jetzt, good-bye! Ja, da heißt es enen jetzt, good-bye! x Und das Wasser, das steigt, und das Schiff, das versinkt und ein rettender Strand lässt sich nicht blicken. Nur ein Schiff, das nicht schwimmt, nur ein Strand, der nicht winkt, na, da muss jeder sich dreinschicken – na also, good-bye! x Da hört man auf einmal keine großen Reden mehr da sind sie auf einmal alle ganz klein da plappern sie plötzlich alle ein Vaterunser her da will’s plötzlich keiner mehr gewesen sein! denn jetzt ist’s vorbei. x Und jetzt will ich mal was sagen: Das kennen wir schon! Da wird ein Leben lang das Maul aufgerissen und steht so was dann vor Gottes Thron dann wird in die Hosen geschissen. x Ja das Meer ist blau, so blau und das geht alles seinen Gang und wenn die Chose aus ist dann fängt’s von vorne an – Ja das Meer ist blau, so blau und das geht auch nicht mehr lang! Ja das Meer ist blau, so blau das Meer ist blau.
Die Jahreszeiten wandern durch die Wälder. Man sieht es nicht. Man liest es nur im Blatt. Die Jahreszeiten wandern durch die Felder. Man zählt die Stunden. Und man zählt die Gelder. Man möchte sich fort aus dem Geschrei der Stadt. x Der Blumentopf am Fenster ist dir näher. Nimm ein Vergrößerungsglas, dann wird’s ein Wald. Was kann man and’res tun als Europäer. Die Stadt ist groß, die Stadt ist groß und klein, klein ist dein Gehalt. x Das Dächermeer schlägt ziegelrote Wellen. Die Luft ist dick und wie aus grauem Tuch. Man träumt von Äckern und von Pferdeställen. Man träumt von Teichen, Bächen und Forellen. Man möchte in die Stille zu Besuch. x Der Blumentopf am Fenster ist dir näher. Nimm ein Vergrößerungsglas, dann wird’s ein Wald. Was kann man and’res tun als Europäer. Die Stadt ist groß, die Stadt ist groß und klein, klein ist dein Gehalt.
Das Chanson für Hochwohlgeborene
Sie sitzen in den Grandhotels! Ringsum sind Eis und Schnee. Ringsum sind Berg und Wald und Fels. Sie sitzen in den Grandhotels und trinken immer Tee. Und trinken immer Tee.
Sie haben ihren Smoking an. Im Walde klirrt der Frost. Ein kleines Reh hüpft durch den Tann. Sie haben ihren Smoking an und lauern auf die Post. Und lauern auf die Post. x Sie schwärmen sehr für die Natur und heben den Verkehr. Sie schwärmen sehr für die Natur und kennen die Umgebung nur von Ansichtskarten her. Von Ansichtskarten her.
Der Song „Man müßte wieder…“
Man müßte wieder durch den Stadtpark laufen mit einem Mädchen, das nach Hause muß und küssen will und Angst hat vor dem Kuß. Man müßte ihr und sich vor Ladenschluß um zwei Mark fünfzig ein paar Ringe kaufen. Man müßte wieder nachts am Fenster stehn und auf die Stimmen der Passanten hören, wenn sie den leisen Schlaf der Straßen stören. Man müßte sich, wenn einer lügt, empören. Und ihm fünf Tage aus dem Wege gehn. Man müßte wieder seltne Blumen pressen und auf dem Schulweg ohne Sorgen schrein. Man müßte wieder sechzehn Jahre sein und alles, was seitdem geschah, vergessen. x Man würde wieder seiner Mutter schmeicheln, weil man zum Jahrmarkt ein paar Groschen braucht. Man sähe dann den Mann, der lange taucht, und einen Affen, der Zigarren raucht, und ließe sich von Riesendamen streicheln. Man ließe sich von einer Frau verführen und dächte stets: Das ist Herrn Nußbaums Braut! Man spürte ihre Hände auf der Haut. Das Herz im Leibe schlüge hart und laut, als schlügen nachts im Elternhaus die Türen. Man müßte wieder roten Pudding essen und schliefe abends ohne Sorgen ein. Man müßte wieder sechzehn Jahre sein und alles, was seitdem geschah, vergessen.
Die lyrische Suite in drei Sätzen Leben in dieser Zeit von Erich Kästner und Edmund Nick, welche am 14. Dezember 1929 erstmals als Hörspiel von der Schlesischen Rundfunkstelle in Breslau gesendet wurde, stammt aus der Pionierzeit der Radioübertragung und wusste die damals neuen Möglichkeiten und Anforderungen der Sendetechnik auf raffinierte Weise für sich zu nutzen. Das Hörspiel Leben in dieser Zeit wurde nach der Ursendung zum Erfolgsstück der Folgejahre und hielt in neukonzipierten Fassungen bald Einzug in Konzertsälen – erstmals am 18. Jänner 1931 im Wiener Konzerthaus zur Aufführung gebracht – und wurde weiters für über 30 Bühnen zum Theaterstück dramatisiert – die szenische Uraufführung fand am 16. Oktober 1931 im Alten Theater Leipzig statt. _Das Stück erlebte auf deutschsprachigen Bühnen bis 1932 zwar zahlreiche Aufführungen, 1933 wurde es allerdings von den Nationalsozialisten verboten und geriet nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Vergessenheit. .
Der Rundfunk als Wiege neuer musikalischer Experimente und Konzepte __– zurEntstehung des Hörspiels Leben in dieser Zeit
Welche Musik sollte über das neue Medium Radio übertragen werden? Alte Musik, ernste, leichte Musik oder doch zeitgenössische?__Das Ziel der damaligen Programmgestalter war es, eine eigene „radiophone“ Musik zu etablieren, die sich speziell den technischen Möglichkeiten und Neuerungen annahm, die der Rundfunk zu bieten hatte, und die somit auch in Hinblick auf die Wiedergabe über den Lautsprecher angelegt wurde. _Dieser Diskurs spiegelt sich konsequenterweise in den Werken wider, die während der ersten Jahre für Rundfunksendungen komponiert wurden: Zeitgenössische Komponisten – darunter Edmund Nick oder Eduard Künneke, die sich vermehrt populären Strömungen widmeten, und deren „ernstere“ Kollegen wie Paul Hindemith, Kurt Weill, Pavel Haas, Ernst Toch oder Franz Schreker – experimentierten auf dem Feld dieses neuen Übertragungsmediums und es entstanden bald erste eigene Radiomusiken. _ Solche Rundfunkmusiken repräsentieren als Ganzes eine Schnittstelle von Unterhaltungsmusik und verschiedensten musikalischen Strömungen der Zeit in der Weimarer Republik. Die Redakteure arbeiteten mit Hochdruck, um ein Programmangebot bereitstellen zu können, das mit dem rasanten technischen Fortschritt der Zeit mithalten konnte: „Beliebt waren Schallplattenkonzerte, Vortragsabende, Reportagen und Live-Übertragungen von Opern, Operetten und Sinfoniekonzerten. Hinzu kommen die Unterhaltungsmusiksendungen aus großen Hotels oder Tanzpalästen.“ (Ernst Theis und Uwe Schneider in: https://www.rundfunkschaetze.de/edition-radiomusiken/vol-1-radiomusik-leben-in-dieser-zeit/)
„Breslauer Koryphäen in der Karikatur“ von Iwan von Jensensky „Wie sich unser Karikaturist den unsichtbaren Vorgang des Sendens für seine begriffliche Auffassung zurechtlegt. Dr. Edmund Nick, der musikalische Haus-geist der Schlesischen Funkstunde“ – aus der Zeitschrift „Schlesische Theater- und Musik-Woche“ Nr-16 von 1924. (https://www.rundfunkschaetze.de/edition-radiomusiken/vol-1-radiomusik-leben-in-dieser-zeit/)
Das Verbreitungsmedium Radio verlockte auch Erich Kästner dazu mit dieser neuen Methode der Informations- und Kunstvermittlung zu experimentieren und so verfasste er das Manuskript zu Leben in dieser Zeit. Dieses legte er an der Rundfunkstelle in Breslau vor, wo er regen Zuspruch für sein Werk bekam – auch von Edmund Nick, der seit 1924 die Leitung der Musikabteilung der Schlesischen Funkstelle Breslau inne hatte. Mit dem für damalige Zeiten innovativen, experimentellen Manuskript meinte man, die neuen technischen Möglichkeiten des Rundfunks umfangreich ausschöpfen zu können und so begann bald die Suche nach einem passenden Komponisten für Kästners Text. Die Vertonung sollte Kurt Weill übernehmen, der durch die 1928 uraufgeführte Dreigroschenoper bereits zu einem erfolgreichen und angesehen Komponisten seiner Zeit avanciert war. Mitten in der Arbeit zu Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny winkte er dankend ab.__Da Weill aber die Songvertonungen Edmund Nicks kannte und schätzte, wie später die Tochter Dagmar Nick berichtet, soll er dem Leiter der Funkstelle nahe gelegt haben: „Nick machen Sie das doch!“ – und das tat er auch.
Mit dem Ziel, ein auf die Sendemöglichkeiten des Radios angelegtes Stück präsentieren zu können, montierte Erich Kästner bereits veröffentlichte Gedichte, Kabarett-Texte, einen Chor sowie Geräusche und Zwischendialoge zu einer Collage, welche ein Bild darüber zeichnet, wie das damalige Erwachen der Metropolen und ihren Menschenmassen, das Schicksal des Einzelnen in der modernen Zeit und andere Modethemen das Leben der Bevölkerung beeinflussten. Einen Überblick zur Musik des Hörspiels fasst der Dirigent Ernst Theis zusammen:
„Liedhafte Chansons mit ihrer poetischen Bildsprache und der genretypischen starken Konzentration auf die Textaussage decken die Vielzahl der kritischen und satirischen Themen und wechselnden Stimmungen ab. Edmund Nicks Musik, mit ihren prägnanten rhythmischen Figuren und großen Melodieeinfällen, ihrer Eingängigkeit und ihrem Kontrastreichtum war kongenial gedacht. Es war Musik der Zeit, tänzerisch und jazzig, aber auch lyrisch und kunstvoll zu immer neuen Höhepunkten gesteigert.“
Der Titel der lyrischen Suite ist Programm: Die Texte geben ein Abbild der Gesellschaft am Ende der Goldenen 20er Jahre wieder und beschwören bereits herauf, was zu dieser Zeit noch keiner ahnen wollte, nämlich eine schwerwiegende Weltwirtschaftskrise, die mit dem Börsenkrach am „schwarzen Freitag“ am 25. Oktober 1929 an der New Yorker Wall Street freilich schon ihren Vorboten gefunden hatte. Leben in dieser Zeit hat keine durchgehende Handlung im klassischen Sinn, sondern zeigt ähnlich einer Revue szenische Ausschnitte und Stimmungsbilder ohne dabei auf direkte dramaturgische Abläufe angewiesen zu sein. Der Erich Kästner charakterisierte den Inhalt seines Werkes 1931 in einem Programmheft des Altonaer Stadttheaters:
„Unsere Kantate wird man kaum fromm nennen wollen. Es ist eine Laienkantate. Sie wendet sich an die Menschen der Großstadt, sie bringt ihnen ihresgleichen zu Gesicht und Gehör, sie demonstriert ihre Sorgen, ihre vergeblichen Wünsche und ihre Methoden, das ‘Leben in dieser Zeit’, so schwer erträglich es ist, zu meistern.“
Eine genauere Vorstellung vom Inhalt des Hörspiels erhält man dagegen etwa beim Lesen einer Kritik von Fritz Rosenfeld für die Wiener Arbeiter-Zeitung vom 21. Jänner 1931:
„Der ‚Held’ des Werkes heißt Kurt Schmidt und ist einer aus dem Heer der Millionen, die in den Büros der Großstädte an staubige Schreibtische gefesselt sind, die ihr Leben mit dem zusammenrechnen von Zahlen verbringen, die abgestumpft werden gegen die Leidenschaften, weil seinen Leidenschaften nur leben darf, wer Geld hat, die abgestumpft werden gegen die Natur, weil die Natur nur genießen darf, wer Geld hat. Die Resignation treibt diese Millionen Kurt Schmidts in den Geist halbspießerlicher Selbstzufriedenheit unter der nur leise der Gram und der Groll über ein freudloses, einförmiges Dasein lebt. Kästner stellt seinen Helden zwischen einen abgeklärten, satten seelisch robusten Räsoneur und die durch Sprechchor repräsentierte Masse der Arbeitsmenschen. Kurt Schmidt hat nicht das Phlegma, mit dem der Räsoneur die Widrigkeiten des Lebens als Schicksalsfügungen hinnimmt, er hat aber auch nicht den scharfen Protestgeist, mit dem die Masse der Arbeitsmenschen gegen ihr mechanisiertes Leben rebelliert. In Liedern durchläuft dieser Kurt Schmidt nun die wichtigsten Phasen seines Lebens, die wichtigsten Phasen seines Erlebens. Als Widerspiel und als Ergänzung gibt Kästner ihm eine Frauengestalt zur Seite; die Chansonette, die das Leben leichter nimmt, und die doch als Mutter des Menschen dieser Zeit wieder eng mit dem Schicksal der Gegenwart verbunden ist.“
Ein Kassenschlager nicht nur seiner Zeit
„Einen vollen Sieg als Rundfunkkünstler errang hingegen der Vorkämpfer der Rundfunkkunst, Intendant F. W. Bischoff, Breslau, am 12. März mit dem Hörspiel „Leben in dieser Zeit“ von Erich Kästner. Hörspiel in diesem Falle: Orchester, gesungene Lieder, gesprochene Gedichte, sprechende Stimmen, Sprechchor. Alles prachtvoll zusammengewoben, fast Silbe für Silbe deutliche, zwingend, packend durch Geschlossenheit der funklichen Aufmachung; eine Erfindung, die raffiniert-geschickt eine große Zahl ernster Gedichte in eine lange, fesselnde Szene hineinschmolz; eine Musik, die nicht nur vorzüglich das Ganze untermalte und trug, sondern sogar eigenen starken Ausdruckswert hatte (komponiert von Edmund Nick!). Das Ganze, wie wir glauben, der erste vollkommene Sieg des Ringens um Rundfunkkunst, inhaltlich eine tief ernste, echt dichterische, vollmoderne Revue über Sinn und Wert des gegenwärtigen Lebens der Durchschnittsmenschen. Wiederholen! Ja wiederholen! Und dann weitere Versuche!“ (Volkszeitung Dresden, Mitte März 1931)
Und tatsächlich erlebte die lyrische Suite Leben in dieser Zeit auch mehrere solcher Wiederholungen und wie erwähnt auch Neuauflagen für Bühnen- und Konzerthäuser, bis das nationalsozialistische Regime im Jahr 1933 die Aufführung von Kästners und Nicks Erfolgswerk jedoch untersagte und es dadurch für ein halbes Jahrhundert aus dem kollektiven Gedächtnis zur europäischen Musikkultur verschwand.
Im 21. Jahrhundert war es schließlich soweit, dass die lyrische Suite ihr Comeback erleben durfte und in einer Gemeinschaftsproduktion von FIGARO, dem Kulturradio des Mitteldeutschen Rundfunks, und Deutschlandradio Kultur in ihrer ursprünglichen und vollständigen Fassung eingespielt wurde. Ohne Überraschung feiern auch heutige Pressestimmen das Werk Kästners und Nicks als sensationelle Wiederentdeckung. _So kann Leben in dieser Zeit auch Hörer unserer Zeit wieder begeistern und auf der vom Label CPO 2008 veröffentlichten CD „Lyrische Suite ‚Leben in dieser Zeit‘ (Radiomusiken Vol.1)“ nachgehört werden. Aufgenommen wurde das Stück vom 19. Bis 23. August 2003 in der Dresdner Lukaskirche von Solisten, dem Chor und Orchester der Staatsoperette Dresden unter der Leitung des Chefdirigenten Ernst Theis. (Zum Bedauern aller neugierigen Ohren gibt es online keine öffentlich zugänglichen Aufnahmen davon, ansonsten würden sie an dieser Stelle selbstverständlich mit allen Lesern geteilt werden. Allerdings finden sich auf Youtube einige Aufzeichnung von Songs oder Chansons in der Fassung für Klavier und Singstimme.)
Photographie von Edmund Nick aus dem Jahr 1930 – Foto: Dagmar Nick
CD-Cover der 2008 erschienenen Aufnahme von Erich Kästners und Edmund Nicks „Leben in dieser Zeit“
Diese eingespielte Fassung stellt eine Rekonstruktion da, die als Ergebnis der Gegenüberstellung vorhandener Quellen zusammengestellt wurde. Informationen bot als wichtigste Quelle zu Leben in dieser Zeit etwa die 1997 im Auftrag Edmund Nicks Tochter bei der Universal Edition erstellten Partitur. Diese enthält allerdings keinerlei Hinweise auf Klangmontagen, sondern nur auf Geräuscheffekte, die der Komponist Nick in die Partitur einarbeitete, wie etwa in der Einleitung des 1. Satzes eine Autohupe, Telefonklingel oder ein Eisenbahnsignal.
Erst das nach der Ursendung im „Vertrieb von C. Weller & Co. Verlag, Leipzig“ als Bühnenmanuskript erschiene Libretto Kästners, welches auch als einzige Quelle die dialogischen Zwischentexte überliefert, lieferte entscheidende Anweisungen für die Geräuschmontagen, welche sich im Wesentlichen zu Anfang und Ende der jeweiligen Sätze wiederfinden. Für den Beginn des ersten Satzes zum Beispiel fordert der Autor:
_„Lärm der Großstadt: Auftakt mit Schreibmaschinen und Telefonen. _.Dann dazu aktuelle Jazzmusik. _.Dann zu dem Büro- und Vergnügungslärm Straßenradau, Autohupen, Straßenbahnläuten, Zugstampfen.“
Den Anfang des Zweiten Satzes versah der Autor mit folgenden Anweisungen:
_„Akustischer Auftakt: Kuhglocken, Abendläuten; _.Harmonium mit „Nun ruhen alle Wälder…“; _.dilettantisches Klavierspiel: “Der fröhliche Landmann…“; _.Männerquartett (sentimental geknödelt): „Wer hat dich du schöner Wald…“, _.alles nur andeuten! _u.s.w. _.Abendglocken schwingen langsam aus. .Sentimentale Klangmontage.“
Den Hörern lassen Uwe Schneider und Ernst Theis in Bezug auf ihre Rekonstruktion wissen:
„Nach unserer Überzeugung ist ein Dokument entstanden, das quellenkritisch entwickelt wurde und musikhistorisch einen adäquaten Beitrag zur bislang kaum beachteten Gattung der Radiomusiken der Weimarer Republik leistet. Nicht zuletzt soll es – ganz im Sinne Edmund Nicks und Erich Kästners – gelingen den Hörer für das Musikerlebnis dieser sozial so ambivalente Zeit mit künstlerischen Mitteln zu interessieren.“
x
––von F. W. am 18. November 2020
Quellen
Ernst, Daniel: Zwischen Sprechen und Singen. ‚Performative Formgebung‘ in den Chansons von Edmund Nick und Erich Kästner aus der Münchner ‚Schaubude‘, ZGMTH 15/1, 2018, S. 81–119.
Den sechs Ironien für Klavier zu vier Händen (1920) stellt Erwin Schulhoff einen selbstverfassten Prolog voran:
Lernt Dada
Es lebe! Suff, Ekstase! – Foxtrott, -lieblichster Prinz und Hanswurst, Wenn Du Mädchen berührst, werden sie rasend und sind unersättlich geworden! Strumpfbänder schwirren und kokettieren mit abgelegten Offiziersuniformen, die nach Laster riechen! Ober, eine Zitronenlimonade à la naturelle! Ich liebe den Alkohol nicht mehr, dafür aber umso mehr schöne Beine! – Zigarettenreklame, – Berlin, Paris, London, New York! Weiber sind exhibitionistisch! Foxtrottkonkurrenz! Behebung aller Arten Insuffizienzen garantiert ohne Mittelchen! Strengste Diskretion in allen Angelegenheiten – Detektivbüro „Argus“ oder was beißt mich? – Bade zu Hause, bediene sich selbst, koche mit Knallgas! – Lizzi, – Du, – unvergleichlich bist Du, wenn Du Foxtrott tanzt, Dein Hinterteil (streng ästhetisch!!) pendelt zart und erzählt Bände von Erlebnissen! „Jazz“ ist die nächste Devise! – Ich werde für Dich einen Tango erfinden, den ich „Tango perversiano“ nenne und den Du – „zum Weinen schön“ tanzen wirst! Mit mir! – Lizzi, ekstatische Foxtrottprinzessin und letztes Ereignis!!!